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24.05.2020

Lesen Sie hier das aktuelle Interview von Susanne Henckel mit dem Tagesspiegel.

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Interview vom 05. April 2020

Der ÖPNV wird gebraucht!
Mit allen verfügbaren Kräften, die einen grandiosen Job machen, werden Busse und Bahnen am Laufen gehalten.

Seit guten 2 Wochen hat Berlin und Brandenburg das öffentliche Leben heruntergefahren. Einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. Trotzdem muss ein Teil, die Systemrelevanten, das Land am Laufen halten.
Krankenhäuser und ihr Personal, Feuerwehr und Polizei, Verkäuferinnen und natürlich auch der ÖPNV mit all seinen Mitarbeitern, strengen sich jeden Tag an, das tägliche Leben für alle sicher und erträglich zu gestalten. Doch es gibt, auch wenn man das nicht täglich spürt, große Herausforderungen die gemeistert werden müssen. Über die Rolle des ÖPNV in dieser Krise und wie es weitergehen kann, sprach unsere Online-Redaktion mit der Geschäftsführerin des VBB, Susanne Henckel:

Bus und Bahn sind systemrelevant. Während das öffentliche Leben zum großen Teil ruht, rollt der ÖPNV weiter. Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen und wie geht der ÖPNV mit der aktuellen Situation um?

Susanne Henckel: "So ganz richtig ist das ja nicht, das öffentliche Leben muss in den wichtigsten Teilen ja unbedingt weiterlaufen, um alles halbwegs im Fluss zu halten. Also, essentielle Teile des öffentlichen Lebens bündeln ihre Kräfte: Ärzte, Pflegepersonal, Polizei, der Müll muss weiter entsorgt werden und auch die Verkäuferin steht für uns alle an die Kasse. Aktuell wird also deutlich: Auch der ÖPNV ist zentral für das Funktionieren einer Gesellschaft. Und eben auch die Mitarbeiter*innen im ÖPNV werden stärker gebraucht denn je. Wir wollen die, die unterwegs sein müssen, weiter sicher und pünktlich an ihr Ziel bringen. Deshalb fahren Busse und Bahnen weiter und halten – so gut es geht – die Takte aufrecht. Es zeigt sich gerade jetzt, dass der ÖPNV das Rückgrat der Gesellschaft ist. Besonders in den Innenstädten, wo sehr viele schon auf ein eigenes Auto verzichten.

Die größte Herausforderung ist – natürlich neben dem gesundheitlichen Schutz des Personals und der Fahrgäste – die finanzielle Auswirkung auf die Verkehrsunternehmen: deutlich weniger Fahrgäste heißt eben auch, dass deutlich weniger Tickets gekauft werden und damit die Einnahmen der Verkehrsunternehmen drastisch sinken – obwohl ein Großteil des Angebots weitergefahren wird und laufende Kosten anfallen. Gleichzeitig können viele Stammkunden das Angebot nicht nutzen. Das sind Herausforderungen, die die ÖPNV-Branche gerade mit vielen anderen teilt. Liquiditätsengpässe drohen, hier sind wir mit den Branchenverbänden unterwegs, um mit Bund und Ländern gemeinsam und schnell Lösungen zu entwickeln."

In der Krise zeigt sich das wahre Gesicht, heißt es immer so schön. Wie stark ist der ÖPNV in Deutschland, Berlin und Brandenburg?

Susanne Henckel:
"Na, als Geschäftsführerin eines Verkehrsverbundes muss ich nun natürlich sagen, dass der ÖPNV super stark ist. Spaß beiseite, ganz objektiv: Er ist es auch! Der ÖPNV liefert in Berlin und Brandenburg eine starke Leistung ab. Gerade kommt es auf Solidarität an, auf gemeinsam füreinander da sein und die Belastungen gemeinsam schultern. Mit allen verfügbaren Kräften arbeiten die Verkehrsunternehmen und ihre Mitarbeiter*innen, genauso wie das VBB-Team daran, das ÖPNV-Angebot aufrecht zu erhalten. Natürlich verbunden mit zahlreichen, bisher nicht voraussehbaren Herausforderungen, und da darf es dann auch mal hier und da ruckeln. Insgesamt erlebe ich grundsätzlich gerade jeden Tag eine lösungsorientierte Teamarbeit.
Und weil ja gerne mal geschimpft wird: Auch Politik, Aufgabenträger, Verkehrsunternehmen und der VBB arbeiten in dieser Zeit richtig gut zusammen, koordinieren sich und tun, was sie können, um die öffentliche Mobilität in der Hauptstadtregion auf einem hohen Niveau am Laufen zu halten. Dazu gehört allen voran die Einsatzbereitschaft unserer Bus- und Tramfahrer*innen, Triebfahrzeugführer*innen und des gesamten Personals, die gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Die machen einen grandiosen Job und sie sind es letztlich, die den ÖPNV auch in der aktuellen Krise stark machen."

Später wird man Sie fragen, welche Erkenntnisse Sie aus der jetzigen Situation für den ÖPNV ziehen. Gibt es eventuell JETZT schon welche?

Susanne Henckel:
"Ja, es gibt auch schon Erkenntnisse für uns, allerdings muss man auch ehrlicherweise sagen, dass die Folgen natürlich noch gar nicht abzusehen sind. Keiner kann momentan in die Glaskugel schauen. Da bleibt auch uns nur: „Den Laden so gut wie möglich am Laufen halten“. Gleichzeitig gibt es für mich aber auch schon erste Anzeichen. Zum einen bestätigt sich, dass der ÖPNV ein wichtiger Grundbaustein einer Gesellschaft und ihrer Arbeit ist. Auch wenn gerade sehr viel weniger Fahrgäste in den Bussen und Bahnen unterwegs sind: der ÖPNV wird gebraucht! Wir haben zurzeit den Eindruck, dass die Menschen den fast wie selbstverständlich funktionierenden ÖPNV, wieder mehr schätzen lernen und wahrnehmen.

Zudem zeigt sich: weniger Autos auf den Straßen führen sofort zu einer Verbesserung der Luftqualität, zu weniger Lärm und mehr Platz für Fahrradfahrer*innen und Fußgänger*innen. In Berlin gibt es momentan quasi Busspuren! Auch wenn der Anlass kein schöner ist, so denke ich, dass wir daraus auch Lehren für die Umsetzung der Verkehrswende ziehen können. Gleichzeitig müssen wir heute schon überlegen, wie wir nach der Krise die Menschen wieder vollumfänglich vom ÖPNV überzeugen können. Ich bin mir im Übrigen sicher, dass sich unsere Gesellschaft und ihre Werte verändern werden. Das begreifen wir auch als Chance: ich werde mich stark dafür einsetzen, dass ein nachhaltiges Mobilitätsverhalten dabei ebenfalls eine wichtige Rolle spielen wird."

Wird die Verkehrswende nun verschoben oder gar abgesagt?

Susanne Henckel: "Ganz im Gegenteil! Jetzt erst recht! Wir müssen diese Erkenntnisse aus der Krise mitnehmen und versuchen, sukzessive einiges auch umzusetzen. Aller Fokus liegt jetzt natürlich völlig zurecht zunächst einmal auf der Verlangsamung der Virusausbreitung. Das steht im Vordergrund. Aber deshalb haben wir die Verkehrswende nicht gänzlich abgesagt. Und wie gerade beschrieben, kann die aktuelle Krise für die Mobilitätsbranche auch eine Chance sein. Für eine echte Verkehrswende brauchen wir eine Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs in den Innenstädten und mehr Platz für den Umweltverbund. Für mich geht da kein Weg mehr dran vorbei. Im Gegenteil, wir müssen mit viel Tempo, Energie und Innovation vorangehen. Herausforderungen wird es viele geben, auch und gerade bei der Überzeugung der Menschen, später wieder auf einen verantwortungsvollen, ausreichenden Platz bietenden und klimafreundlichen ÖPNV umzusteigen. Aber die Verkehrswende ist und bleibt unsere gemeinsame Mammutaufgabe."

Wie zeigt sich ihre persönliche Lernkurve angesichts der Krise?

Susanne Henckel: "Erstens bin ich sehr beeindruckt vom großen Engagement aller Mitarbeiter*innen der Verkehrsunternehmen, der Verkehrsbranche insgesamt. Busse und Bahnen fahren, die VBB-Fahrinfo wird mehrmals wöchentlich mit aktuellen Fahrplandaten versorgt und so gut es in der angespannten Situation geht, werden flexible Lösungen für auftretende Herausforderungen gefunden. Zweitens brauchen wir jetzt mehr denn je Investitionen ins System ÖPNV. Zur Sicherung des aktuellen Angebots angesichts wegfallender Ticketeinnahmen, aber auch zum Ausbau von Kapazitäten und Infrastruktur, um mehr Platz auf der Schiene und in den Fahrzeugen zu schaffen. Unser Infrastrukturprojekt i2030 in der Hauptstadtregion ist da ganz vorne mit dabei. Und drittens erlebe ich gerade eine Art neuen Pragmatismus in den oberen Etagen: Es kommt zurzeit auf schnelle Entscheidungen in und vor allem mit der Politik und den Verantwortlichen aller relevanten Institute und Organisationen an. Und genau das funktioniert momentan wirklich gut. Auch für die Nach-Corona-Zeit wird das für uns, den ÖPNV, ganz wichtig sein."